Autismus Diagnostik – Meine Erfahrung [PART 1]

Wer selber schon mal eine Diagnostik angestrebt hat, oder darüber nachgedacht hat, weiß, wie lange sich dieser Prozess hinziehen und mit welchen Verzögerungen und Schwierigkeiten es manchmal verbunden sein kann. Deshalb teile ich diesen Beitrag in zwei Teile auf, sonst wird das zu lang.

In PART 1 erläutere ich die Teile meiner Vorgeschichte, die relevant für meinen Diagnostik-Prozess waren, sowie, wie mein erster, gescheiterter Versuch abgelaufen ist und wie mich das geprägt hat.

In PART 2 gehe ich darauf ein, wie ich anschließend die Lockdown-Zeit genutzt habe, um selber Recherchen anzustellen, meine Traumata aufzuarbeiten und wie mich das zu meinem zweiten Diagnostik-Versuch geführt hat, der (bis jetzt zumindest, denn ich bin noch nicht ganz durch) deutlich besser gelaufen ist.


NT = Neurotypischer Mensch, also jemand, der eine typische (oder „normale“) Gehirnentwicklung hat .

ND = Neurodiverser Mensch, also jemand, der eine atypische Gehirnentwicklung hat (wie Autisten, ADHSler, und das ganze andere Zeug) .

ASD = Autism Spectrum Disorder, oder auf Deutsch Autismus Spektrum Störung .

Vorgeschichte

Im Jahr 2018 befand ich mich, nachdem ich in stationärer Behandlung den Borderline Stempel bekommen hatte, in ambulanter Psychotherapie, speziell Verhaltenstherapie. Ich erinnere mich, dass diese Zeit für mich mit viel Frustration verbunden war, da ich einerseits scheinbar nicht so richtig mit meiner Therapeutin geklickt habe, andererseits die Therapie als solche nicht wirklich funktioniert hat. Ich habe mich ständig gefühlt, als würde man mir versuchen, Gefühle einzureden, die ich nicht hatte und mich zwingen wollen, Maßnahmen zu ergreifen, die mehr Anstrengung, als Resultate brachten. Zur selben Zeit befand ich mich in meinem ersten Semester an der Uni und dementsprechend war das Thema soziale Kontakte immer wieder im Fokus. Meine Therapeutin wollte lange Zeit nicht akzeptieren, dass ich weder das Bedürfnis, noch die Energie hatte, mich um soziale Kontakte an der Uni zu kümmern, da ich in der Mittagspause lieber alleine Schach auf meinem Handy spielen wollte, anstatt mich mit meinen Kommilitonen zu unterhalten.

Ebenfalls hatte ich das Gefühl, als wäre meine Art, mich selbst zu reflektieren, komplett Fehl am Platz im verhaltenstherapeutischen Konzept, da auf meine Ausführungen meiner Mental Health Probleme, deren Ursprünge, potenzielle Lösungswege, usw. stets mit trivialen Ratschlägen zur Self Care erwidert wurden. Jedoch war ich zu dem Zeitpunkt durchaus determiniert, diese Therapie zum Funktionieren zu zwingen, weil mir bis dahin die Psychotherapie als einziger Weg bekannt war, mit psychischen Problemen umzugehen.

Erster Versuch

Irgendwann bin ich durch Zufall auf ein YouTube Video gestoßen, in dem es um Autismus bei Frauen/Mädchen ging und ich klickte es aus reinem Interesse an. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass ich mich in fast jedem einzelnen Punkt wiederfinden konnte. Dies brachte mich zuerst vollkommen aus dem Konzept und stellte meine Selbstwahrnehmung erstmal komplett auf den Kopf. Da ich am nächsten Tag eh eine Sitzung hatte, sprach ich das Thema Autismus, ohne weiter darüber nachzudenken, direkt bei meiner Therapeutin an, was sich als großer Fehler herausstellen sollte. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ihre erste Reaktion ungefähr so war:

Ich habe andere Patienten, die im Spektrum sind und Sie wirken jetzt nicht unbedingt autistisch auf mich!

Gefolgt von dem Satz, mit dem ich so gar nicht gerechnet hatte:

Ganz schön mutig von Ihnen, eine professionelle Diagnose (die Borderline Diagnose) einfach so anzuzweifeln!

Nichtsdestotrotz bekam ich am nächsten Tag eine Mail, in der sie mir mitteilte, dass sie nochmal darüber nachgedacht hätte und bereit wäre, mit mir eine Diagnostik zu machen. So wurde ich bei der nächsten Sitzung mit mehreren Fragebögen empfangen, welche die klassischen Kriterien nach dem ICD-10 abgefragt haben. Retrospektiv kann ich sagen, dass es sehr kontraproduktiv war, mich auf eine Diagnostik bei jemandem einzulassen, der nicht spezialisiert in Autismus ist, da die Ignoranz meiner Therapeutin und meine eigene Verunsicherung durch ihre ursprüngliche Reaktion dazu geführt haben, dass ich mich letztendlich invalidiert gefühlt habe, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht ihre Intention war, sowie die Art, wie sie die Fragen formuliert hat auf meiner Seite zu Verwirrung und Missverständnissen geführt hat. Z. B. auf die Frage hin, ob ich Dinge, wie Zahlen, Daten, usw. sammeln würde, war meine Antwort „Nein“, da ich weder Zahlen, noch Daten jemals gesammelt habe. Jedoch war mir nicht klar, dass damit allgemein Information jeglicher Art gemeint war, nicht nur wortwörtlich Zahlen und Daten und wenn ich mir meine PDF-Sammlungen von Research Papers zu Neuroforschung anschaue, dann sieht sie Antwort ganz anders aus. Aber solche Dinge müssen einem erst bewusst werden. Wenn wir schon bei dem Thema sind, war mir ebenfalls nicht bewusst, dass ich viele Dinge sehr wörtlich nehmen, denn auch diese Frage habe ich verneint, was im Nachhinein schon wieder anekdotisch ist. Auch wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, was mit „repetitiven Bewegungen“ genau gemeint war, da ich das Wort Stimming noch nie gehört hatte und ich nahm an, sie meint sowas, wie beim Tourette-Syndrom, oder nervöse Tics. So verneinte ich auch diese Frage, während ich durchgehend mit meinem Bein gewippt und mit meinem Stift rum getrommelt habe.

Ich erinnere mich, dass ich trotzdem knapp über dem Cut-Off Wert lag, also setzte sich die Diagnostik fort und es brachte schon die nächste Ignoranz-bedingte Problemstellung mit sich. Da ich künstlerisch begabt bin, Kommunikationsdesign studiere und in meiner Freizeit viel Kunst mache, hat sich das sofort mit dem Klischee des pragmatischen, unkreativen Mathe Genies widersprochen, welches scheinbar für meine Therapeutin ein ganz wichtiges Ausschlag-Kriterium war, um ASD zu diagnostizieren. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sie behauptete, Autisten könnten nicht kreativ sein. Als ich daraufhin meinte, dass ich durchaus autistische Künstler*innen kennen würde, schaute sie mich ganz verdutzt an und antwortete mir: 

Die wurden aber bestimmt nicht offiziell diagnostiziert. Zumindest nicht in Deutschland.

Ironischerweise war ich in der Schule durchaus auch mathematisch begabt und nahm bis zur Mittelstufe (wo meine Depressionen eskalierten) jedes Jahr an der Mathe-Olympiade teil, jedoch finde ich es oft schwierig, unerwartete Fragen sofort zu verarbeiten und die richtige Antwort zu finden, also sind mir diese Dinge in dem Moment gar nicht erst eingefallen.

Auch hatte ich stark den Eindruck, sie würde versuchen, mich davon zu überzeugen, dass meine Vermutung nicht stimmen würde, was aber möglicherweise zum Teil an meiner Wahrnehmung gelegen haben könnte, man weiß es nicht. Mir war auch das Konzept des Maskings noch nicht bekannt und es fiel mir sehr schwer, zu erklären, warum ich scheinbar einige Dinge problemlos meistern könne und trotzdem behaupte, ich hätte Probleme damit.

Ich kann jedem, der vor hat, sich diagnostizieren zu lassen, nur empfehlen, sich zumindest grob im Vorfeld auszulegen, was man sagen möchte, da man sonst mit unerwarteten Fragen, die teilweise sehr ungenau formuliert sind, überrumpelt wird. Aber naja, im Nachhinein ist man immer schlauer, wie man so schön sagt.

Auf jeden Fall war der Teil über meine Kindheit mein persönlicher Breaking Point, an dem ich beschlossen habe, die Diagnostik nicht weiter fortzuführen, mit den Worten: 

Wissen Sie was, scheiß drauf, ich nehme einfach die Borderline Diagnose, macht ja anscheinend eh keinen Sinn!

Der Grund dafür war, was ich jedoch erst viel später reflektieren konnte, dass ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht mit Traumatisierungen aus meiner Kindheit und Jugend auseinandergesetzt hatte und mich dieses Thema deswegen extrem getriggert hat. Bestimmt bin ich mindestens zwei, drei Mal heulend aus der Therapie rausgegangen, da die Art, wie ich ganz casual über meine Kindheit ausgefragt wurde, sehr unsensibel war, sowie wunde Punkte in mir getroffen wurden, die ganz tief in meinem Unterbewusstsein verankert waren.

Selbstzweifel

Kurz nach Corona-Beginn brach ich die Therapie ab. Das Thema Autismus hatte ich im Kopf bereits abgehackt, weil ich mich nur noch verunsichert gefühlt habe und mir eigentlich auch selber nicht mehr so sicher war, ob das nicht alles doch nur meine Einbildung war. Als ich daraufhin eine Trennung hinter mir hatte, fokussierte ich mich zuerst darauf und beschäftigte mich eher sporadisch, wenn denn überhaupt, mit Neurodiversität als Solche.

Allerdings hatte der Fakt, dass ich Corona-bedingt sozusagen nicht funktionieren MUSSTE zur Folge, dass ich irgendwann nicht mehr funktionieren KONNTE und ich stellte fest, dass mein Zustand sehr stark mit dem räsoniert hat, was man unter „Autistic Burnout“ versteht. Trotz alledem habe ich ziemlich lange gebraucht, um etwas, was ich bereits abgeschrieben hatte (nämlich die Möglichkeit, dass ich im Spektrum sein könnte, bzw. jemals wieder eine Diagnostik machen würde), wieder an die Oberfläche zu holen und meine eigenen Selbstzweifel, die in dem Moment dominiert haben, zu überwinden. Man muss dazu sagen, dass ich mir im Laufe meines Lebens abgewöhnt hatte, mich selbst in meiner Wahrnehmung validieren zu können, weshalb mich jeder Ausdruck von Zweifel von außen, z.B. von Freunden, wieder zurück an den Anfang geworfen hatte. Es fühlte sich an, als würde ich zwei Schritte nach vorne und zehn nach hinten machen. So war es ein ewig langes Prozedere, diese Selbstzweifel wegzubekommen. Es hat mir sehr geholfen, meine Erfahrungen chronologisch von hinten aufzurollen, einzusortieren und zu rationalisieren, was bestimmt mindestens ein Jahr gedauert hat, mich aber auch sehr an mir selbst wachsen ließ und meiner Mental Health extrem zugute kam.

Tbc…

1 Kommentar

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: