Cogito/Credo/Scio ergo sum.

Gibt es einen höheren Sinn im Leben? Wie funktioniert die Welt? Warum haben wir ein Bewusstsein und gibt es einen freien Willen? (Hallo Ethikbuch aus der 5ten Klasse!)

Diese und ähnliche Fragen ziehen sich durch die Menschengeschichte durch, wie ein roter Faden und prägen jede Kultur, sowie Religion, bilden die Grundlage für die Konzepte der großen Philosophen, bereiten uns schlaflose Nächte oder füllen das eine oder andere „tiefsinnige“ Kiffergespräch. Wie man es auch betrachten möchte, haben alle Ansätze die Gemeinsamkeit, dass sie von der Überzeugung derer Anhänger leben.

Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich.

Wer hat ihn noch nicht gehört, den bekannten ersten Grundsatz von René Descartes, der die Grundlage für viele philosophische Ansätze bildet. Der ewige Konflikt aller Existenzkrisen und die scheinbar einzige Gewissheit, die uns irgendwo im großen und weiten Meer der existenziellen Unstimmigkeiten bleibt.Ich gehe mal kurz in der Zeit zurück und erinnere mich daran, wie meine aller erste Existenzkrise als Kind, das Fenster des Zweifelns für mich eröffnete. Es war die Nacht vor meinem Geburtstag und diese war stets, so wie für die meisten Kinder, eine schlaflose. Gefüllt von Aufregung und Vorfreude ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, denn an Schlaf war schließlich eh nicht zu denken, was mich irgendwann auf die Fragestellung stoßen ließ, was es wohl zu bedeuten hatte, dass ich jedes Jahr älter wurde, aus der sich kurz darauf die Realisation formte, dass ich das abstrakte Konzept von Zeit eigentlich überhaupt nicht richtig greifen konnte. Zu dem damaligen Zeitpunkt war das Konzept der Vergänglichkeit des Lebens noch nicht etwas gewesen, was für mein kindliches Selbst irgendeine Relevanz haben sollte. Vermutlich war es die Mischung aus meinen sprudelnden Emotionen und meinem sich langsam manifestierenden Verständnis für gewisse Zusammenhänge in der Welt, welche der Katalysator dafür war, dass mein erster Mindblow wie eine Atombombe in meinem Kopf einschlug und mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Geschmacksprobe dafür gab, wie klein ich, im Vergleich zum großen Universum, bin.

Kurze Randnotiz: Ich sollte hinzufügen, dass ich ein extrem visueller Denker bin. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ein Neurodiversitäts-Ding ist, oder einfach etwas Ich-Spezifisches, ist ja auch unwichtig. Jedenfalls, während die meisten Leute, mit denen ich darüber geredet habe, sozusagen in Sprache/Wörtern/Sätzen denken, habe ich (bewegte) Bilder vor meinem inneren Auge, welche ich, falls die Notwendigkeit auftritt, meine Gedanken in irgendeiner Form zu kommunizieren oder nach außen zu tragen, in Sprache übersetze, jedoch nicht, wenn ich für mich selbst denke oder Konzepte gedanklich ausarbeite. Diese Information ist wichtig, um zu erklären, was in mir vorging, als ich meinen ersten Mindblow erlebt hatte.

Zurück zu meiner Geschichte… Während ich versuchte, Zeit als Solche für mich greifbar zu machen, passierten zwei Dinge:
A) auf jede Antwort, die ich mir selbst gab, kamen zig neue Fragen ohne Antwort obendrauf und auf jede einzelne davon kamen zig Folgefragen. Ich spürte förmlich, wie sich das Zelt der Ungewissheit in über meine innere Welt legte und in exponentieller Geschwindigkeit expandierte, während sich messerscharf herauskristallisierte, wie mein bewusstes Sein sich gleichzeitig wie alles und nichts anfühlte. Alles, im Sinne von, meine einzige Gewissheit, Sicherheit, Ankerpunkt und Fundament meiner Persönlichkeit. Nichts, im Sinne von, unbedeutend im großen Bild, nur ein Fragment, welches in Abhängigkeit zur linearen Zeit und zu äußeren Umständen existiert und von Weitem betrachtet bedeutungslos erscheint.
B) das Bild in meinem Kopf zu der Frage, was Zeit ist und wie sie funktioniert, nahm immer komplexere Formen an und verwandelte sich in eine vernetzte Struktur von Ideen, Fragen, Annahmen und möglichen Antworten kombiniert mit meiner persönlichen Wahrnehmung und dem, was ich zu dem Zeitpunkt bereits darüber gelernt hatte. Ich denke, es hat in etwa 10 Jahre gedauert, bis ich in der Lage war, dieses Bild so in Sprache zu übersetzen, dass ich anderen halbwegs verständlich erklären konnte, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Ich wäre nicht überrascht, wenn dieses Ereignis seinen Teil dazu beigetragen hat, dass diese ganze Zeit-Thematik, oder allgemein Science-Fiction, zu einem großen Interessengebiet von mir wurde und immer noch ist.

Credo ergo sum – Ich glaube, also bin ich.

Was der sich Atheist mit Wissenschaft, der Esoteriker mit Energien, der Christ mit Gott, usw. erklärt, stößt im Dialog früher oder später auf die Grenze zwischen dem Wissen und dem Glauben. Unabhängig vom Grad des eigenen Skeptizismus, bildet die Fähigkeit, bestimmte Dinge, ohne einen eindeutigen Beweis, für sich selbst als „wahr“ zu definieren, das Fundament eines jeden Weltbilds und kann sich individuell mal mehr, mal weniger, unterscheiden.

Auch ich durchlebte im Laufe meiner Existenz auf dieser Welt so einige Perspektivenwandel und würde das Formen meines eigenen Weltbilds als lebenslangen Prozess des Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung bezeichnen. Obwohl ich meine Grundschulzeit auf einer sehr religiösen Schule verbracht hatte, konnte ich mit dem Konzept des Glaubens noch nie viel anfangen, was mich relativ früh zum Agnostizismus, dann Atheismus und später zu einer Form von Nihilismus geführt hatte, was jedoch keineswegs bedeuten soll, dass ich den Glauben als nicht wertvoll oder gar dumm bezeichnen würde, denn auch im Streit nach der Wahrheit, ist nicht zu leugnen, welch enorme positive Auswirkungen der Glaube auf Menschen haben kann. Mein innerer Glaubenskonflikt ist viel mehr davon geprägt gewesen, Gegebenheiten ausschließlich nach ihrer Logik bewerten zu wollen und dementsprechend Aussagen, welche mit subjektiven Meinungen begründet sind, auch bei besten Willen nicht als valide betrachten zu können.

Bis vor ca. einem Jahr war Spiritualität, obwohl ich ihr gegenüber auch nicht unbedingt abgeneigt war, nie Teil meines Lebens gewesen. Der Perspektivenwandel begann, als ich meine Sicht auf den Glauben als Bedingung für Spiritualität über Bord geworfen habe, zumindest für mein persönliches Weltbild. Anders gesagt, habe ich für mich selbst entschieden, dass an etwas zu Glauben keine Voraussetzung dafür sein muss, bestimmte Dinge zu praktizieren, solange sie mir oder anderen keinen Schaden zufügen, oder in bestimmte Richtungen zu denken, im Bewusstsein, dass Meinungen nicht endgültig sein müssen, denn einem Gedankengang nachzugehen und diesen dann wieder zu verwerfen bringt definitiv mehr Lernpotenzial mit sich, als sich stur auf eine feste Meinung festzuklammern und in seiner Entwicklung zu stagnieren. Der Zugang zu meiner persönlichen Spiritualität kam dann ganz automatisch, auch wenn ich ihn nicht unbedingt irgendeinem bestehenden Konzept zuschreiben würde. So nach dem Prinzip:

Ich kann nicht sagen, was es gibt, nur, dass es was gibt. Der Rest entspringt meiner individuellen Weltwahrnehmung, sowie Bildsprache und dient in erster Linie dazu, mir selbst die Welt erklären zu wollen.

– Mein aktueller Standpunkt zur Spiritualität –

In diesem Prozess fand ich auch meine Begeisterung für das Erstellen von Modellen und Konzepten wieder, was mich zur Philosophie führt. Zugegebenermaßen hatte mir der Ethikunterricht in der Schule damals für sehr lange Zeit den Geschmack an Philosophie als Ganzes verdorben, wie das halt so ist mit unserem guten alten Schulsystem. (Aber das ist vermutlich ein Thema für ein anderes Mal.) Auf jeden Fall realisierte ich plötzlich, dass im Grunde gesehen, von der alten Schule bis hin zu zeitgenössischen Ideen, „Die Existenz des Menschen“, „Die Dynamik und Funktion der Gesellschaft“ und „Die Frage nach dem Sinn und Ursprung“, wenn man es kurz zusammenfassen möchte, die drei Grundsteine der Philosophie darstellen und das, was irgendwann in Lehrbüchern endet, nicht mehr ist, als unterschiedliche Versuche, das Sein in seiner Essenz erklären und/oder beschreiben zu wollen. Metaphern und Verbildlichungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Müssen diese Konzepte immer der Wahrheit entsprechen? Gewiss nicht, denn wie bereits festgestellt, sind wir als menschliche Wesen (noch) nicht in der Position, diesbezüglich eine klare Aussage zu treffen. Trotzdem ist es genau diese Vielfalt an individuellen Ideen, welche uns als Menschen an uns selbst wachsen lässt und damit die gesamte Disziplin der Philosophie interessant macht.

Scio ergo sum – Ich weiß, also bin ich.

Man kann natürlich nur rätseln, wie viel von dem, was uns die alten Philosophen hinterlassen haben, tatsächlich ihrer vollen Überzeugung entsprach und was einfach nur die Ausarbeitung von Konzepten und Ideen war, denn man sollte auch immer im Kopf behalten, dass jeder Mensch in seiner Lebenszeit geprägt von seiner zeitgenössischen Gesellschaft ist, sei es nun der generelle Wissensstand der Menschheit oder der kirchliche Einfluss in der Gesellschaft.

Vor allem aber sollte man nicht vergessen, dass auch Sprache immer im Kontext ihrer Zeit interpretiert werden sollte, wie beispielsweise bestimmte Wörter einen Wandel in ihrer Bedeutung erleben und man manchmal einfach beachten sollte, dass das, was wir heute unter Wort XY verstehen, nicht zwangsläufig das Selbe ist, was XY vor 100 Jahren bedeutet hat. Manchmal sind es lediglich Nuancen, doch in anderen Fällen ändert sich die gesamte Aussage, aber das nur so nebenher gesagt.

„Wissen“, wenn man es genau nimmt, kann in meinem Verständnis folgendes bedeuten: Entweder alles, was darauf basiert, was im allgemeinen Konsens der Menschheit als objektive Wahrheit akzeptiert wird (z.B. „Ich weiß, dass der Himmel blau ist!“), oder alles, was aus der individuellen Perspektive des Einzelnen so wahrgenommen wurde und somit eine subjektive Wahrheit darstellt (z.B. „Ich weiß, dass ich Honigmelone eklig finde!“). Das einzige absolute Wissen wäre dann wohl, dass es dem Menschen (noch?) nicht möglich ist, etwas absolut zu wissen („Ich weiß, dass ich nichts weiß.“).

Es lässt sich also nicht vermeiden, dass jedes philosophische Erklärungsmodell, ganz gleich, wann oder von wem dieses aufgestellt wurde, zwangsläufig von dem Einfluss seiner Zeit geprägt ist. Soll das also bedeuten, dass ein Modell aus einer vergangenen Ära irgendwann zur Märchenstunde ohne Realitätsbezug wird? Nun ja, das kommt wohl darauf an, wie man es betrachten möchte. Offensichtlich werden bestimmte Dinge früher oder später einfach nicht mehr aktuell sein und werden dementsprechend auch keine Anwendung mehr für das moderne Leben finden. Zumindest, wenn man sie zu wörtlich nimmt. Wie heißt es so schön in „V for Vendetta“:

Man sagt uns wir sollen der Idee gedenken und nicht des Mannes. Denn ein Mensch kann versagen. Er kann gefangen werden. Er kann getötet und vergessen werden. Aber 400 Jahre später kann eine Idee immer noch die Welt verändern.

V aus V for Vendetta

Sei es der Schöpfungsmythos aus dem alten Testament oder die Ideenlehre von Platon, sind es letztendlich nicht alles Geschichten und Überlieferungen von Ideen, für Menschen, von Menschen, welche im Strom ihrer Zeit das Sein aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu beschreiben versuchen? Und ist nicht der alleinige Wandel des Konsens‘ über das objektive Wissen im Laufe der Menschengeschichte irgendwie ein Statement für sich, welches immer in seiner Zeitlosigkeit bestehen bleiben wird?

Sum ergo sum – Ich bin, also bin ich?

Irgendwo in diesen ganzen Gedankengängen verschwimmt scheinbar die Grenze zwischen objektiv und subjektiv, zwischen Wahrheit und Wahrnehmung, zwischen Glauben und Wissen, oder wie auch immer. Im Sinne des Rechts eines jeden Menschen auf die freie Entfaltung der religiösen, spirituellen und intellektuellen Identität, ergibt die Quantität der einzelnen Weltbildfragmente vielleicht irgendwann mal ein ganzes Bild, mit dem wir was anfangen können und wenn wir schon bei Quantität sind, macht es für die Gesamtheit eines Quantenzustands doch eh keinen Unterschied, wie wahrscheinlich Konzept XY eines einzelnen Betrachters ist, von daher ist das, was wichtig ist, das Sein an sich und den Rest bringt das Leben.

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten