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Autismus Diagnostik – Meine Erfahrung [PART 2]

Das ist der zweite Teil meiner Erfahrung mit dem Prozess einer ASD Diagnostik. Hier nochmal eine Zusammenfassung, worum es in den beiden Parts geht:

In PART 1 erläutere ich die Teile meiner Vorgeschichte, die relevant für meinen Diagnostik-Prozess waren, sowie, wie mein erster, gescheiterter Versuch abgelaufen ist und wie mich das geprägt hat.

In PART 2 gehe ich darauf ein, wie ich anschließend die Lockdown-Zeit genutzt habe, um selber Recherchen anzustellen, meine Traumata aufzuarbeiten und wie mich das zu meinem zweiten Diagnostik-Versuch geführt hat, der deutlich besser gelaufen ist. 


NT = Neurotypischer Mensch, also jemand, der eine typische (oder „normale“) Gehirnentwicklung hat .

ND = Neurodiverser Mensch, also jemand, der eine atypische Gehirnentwicklung hat (wie Autisten, ADHSler, und das ganze andere Zeug) .

ASD = Autism Spectrum Disorder, oder auf Deutsch Autismus Spektrum Störung .

Meine Recherche

So viele Schattenseiten die Pandemie auch mit sich brachte, für mich ergab sich zumindest der Vorteil, dass ich plötzlich eine Menge extra Zeit dazubekommen habe, um mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich zuvor in meinem Alltag nie richtig einschieben konnte. Wie bereits in PART 1 erwähnt, habe ich es in dieser Zeit geschafft, meine ursprüngliche Unsicherheit bezüglich einer erneuten ASD Diagnostik hinter mir zu lassen, doch diesmal wollte ich besser vorbereitet sein. Und so konnte das große Googeln auch beginnen!

Wann immer ich ein neues Topic recherchiere, habe ich meistens ein grobes Schema, wonach ich vorgehe:

  1. Basic Infoseiten, quasi das, was in Google auf Seite 1 ist + Links
  2. Forschungsergebnisse, wissenschaftliche Artikel, Studien, usw.
  3. Blogs, Foren, persönliche Berichte, journalistische Artikel, usw.
  4. YouTube Videos, Vorlesungen, TedTalks, Podcasts, usw.

Danach habe ich im Regelfall einen ziemlich guten Überblick über mein Thema.

Bei Autismus fand ich die Recherche trotzdem relativ komplex. Zum einen ist die ASD-Präsentation im Erwachsenenalter an sich ein relativ junges Forschungsgebiet, welches zum Teil auf veralteten Meinungen und Fehlannahmen basiert. Ebenfalls äußert es sich bei Frauen anders, als bei Männern, weshalb auch da wieder die Informationen, die man im Netz so findet, nicht immer auf den neusten Stand sind. Zum anderen umfasst das neurodiverse Spektrum einfach eine unheimlich große Vielfalt von individuellen Manifestations Möglichkeiten, abhängig vom Individuum versteht sich. Zudem überschneiden sich die Charakteristiken untereinander und mit diversen anderen Mental Health Issues, sodass es nicht immer einfach ist, eindeutig zu bestimmen, was jetzt Sache ist. Auch ist es nicht ungewöhnlich, mehrere Diagnosen parallel zu haben und es verschwimmt irgendwie alles ein wenig ineinander.

Kurzer Exkurs zu meiner Theorie/Meinung über die Differenzierung von ASD zu anderen Sachen: COMING SOON!

Mir persönlich war es wichtig, möglichst alle Optionen einmal abzuwägen, um nicht erneut in die uninformierte Diagnostik Falle zu tappen, weswegen mein Ansatz erstmal daraus bestand, einer theoretischen Auseinandersetzung zu folgen, ohne sofort Bezug zu mir selbst herzustellen.

Trauma Aufarbeitung

Mein ursprüngliches Konzept war keineswegs schlecht, denke ich, doch wie es immer so schön ist im Leben, entwickeln sich die Dinge manchmal komplett anders, als erwartet. Schon nach kurzer Zeit formte sich in meinem Kopf ein immer klareres Bild davon, wie bestimmte Autismus spezifische Thematiken mit meinen Traumata zusammenhängen könnten und weg war die objektive Distanz.

Da ich ja zu Beginn vom Lockdown ja eh stark mit meiner Mental Health zu kämpfen hatte, war es nicht zu vermeiden, dass Dinge aus dem Unterbewusstsein hervorkamen, die es für mich nun zu reflektieren galt. Ziemlich sicher wäre das im Pre-Corona Alltag und voraussichtlich auch Post-Corona, zeitlich einfach nicht im Rahmen des Möglichen gewesen. Der Lockdown war deshalb die ideale Möglichkeit.

Meine erste Erkenntnis in dem Kontext war vermutlich das mit dem Masking. Es abzulegen gab mir plötzlich einen gänzlich vergessenen Teil meines Denkens zurück, auf den ich aufgrund von ständiger Erschöpfung (autistic burnout) lange keinen Zugriff mehr hatte.

Für die, die den Begriff Masking nicht kennen, das ist eine Form des Sich-Verstellens, oder -Anpassens, um „normal“ zu wirken. Oft hat es zur Folge, dass man psychische Probleme davonträgt, bis hin zum Verlust der eigenen Identität oder Burnout, da es sehr viel Energie kostet, 24/7 eine Persona zu spielen. In vielen Fällen passiert das auch auf Kosten der eigenen physischen, psychischen und/oder emotionalen Bedürfnisse, wenn diese im Konflikt mit seiner NT-Performance stehen. Viele beschreiben die Experience, mit dem Masking aufzuhören oder zumindest es zu reduzieren, als sehr befreiend!

Man kann sich das so vorstellen, als würde man die ganze Zeit versuchen, seinen Gameboy zu einem Tamagotchi zu machen, weil jeder einen Tamagotchi besitzt, aber man selbst hat nur den Gameboy, also versucht man, diesen einfach so zu modifizieren, dass er zu einem Tamagotchi wird. Doch jedes Mal, wenn der Gameboy ein Nintendo-Geräusch macht, wird man sauer und schraubt mehr und mehr daran rum und versucht das System umzuschreiben, bis nichts mehr richtig funktioniert und der arme Gameboy nicht mehr angeht 😦
Aber dann merkt man, wie dumm die Idee war und resettet alles, entschuldigt sich bei dem kleinen Gameboy und füttert ihn mit nem nicen Game! Er kann endlich wieder ein authentischer Gameboy sein and it feels like magic!! 🙂

Zweiter Versuch

Nachdem ich mir also nach ca. einem Jahr Recherche relativ sicher war, dass ich doch nochmal ein Assessment machen möchte und ich zudem, aus unterschiedlichen Gründen, unbedingt die Borderline Diagnose, die ich ja noch immer am Arsch hatte, loswerden wollte, suchte ich mir die paar wenigen Therapeuten raus, die bei mir in der Umgebung Autismusdiagnostik für Erwachsene angeboten haben. Ich landete bei einer Therapeutin, die im Kontrast zu der Vorherigen außerordentlich kompetent wirkte.

Das Gesamte Verfahren erstreckte sich auf mehrere Sessions und bestand aus den standardmäßigen, psychotherapeutischen Diagnoseinstrumenten, die man halt so kennt. Trotzdem war das Gefühl, bei einer Therapeutin zu sitzen, die tatsächlich Ahnung hat, schon echt angenehm und ihre sympathische und intelligente Art, hat wahrscheinlich auch geholfen!

Also falls das es aus diesem Beitrag bisher noch nicht klar geworden ist: Ja, ich habe eine Diagnose für eine Autismus Spektrum Störung bekommen, wobei mich zwar die Diagnose an sich nicht so richtig überrascht hat, aber einige Details und Nuancen waren trotzdem unerwartet.

Prinzipiell ist es immer eine persönliche Entscheidung, ob man sich durch so einen Prozess wirklich durchzwängen sollte, oder nicht, denn es gibt tatsächlich viele Faktoren, die dafür, oder dagegen sprechen, also ist es immer sinnvoll, sich das gut zu überlegen. Für mich jedenfalls war das mit Sicherheit die richtige Entscheidung und ich bin sehr froh, dass es sich so ergeben hat!

Abschließende Gedanken

Retrospektiv gab es wohl in meiner Diagnostik Journey mehrere Kernaspekte, die das Ganze zwar durchaus zur Herausforderung gemacht haben, jedoch zur gleichen Zeit einen einzigartigen Lernprozess kreiert haben, welcher mir am Ende interessante Einblicke in mein eigenes Denken, das Denken meiner Mitmenschen und allgemein in das breite Spektrum der Neurodiversität ermöglichen konnten, mich aber auch mit gesellschaftlichen Problemstellungen konfrontiert hat, die ich sonst eventuell übersehen hätte.

Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mich beim Versuch, eine einzige Diagnose zu bekommen, freiwillig darauf einlassen würde, durch so viele Hürden zu springen…oder so nebenher gesagt, überhaupt so einem blöden Zettel mit einem Label einen solchen Wert zuschreiben würde…vermutlich hätte ich gelacht und mir vorsichtshalber einen kuscheligen Platz in der Klapse reserviert…But here we are!

Nicht, dass ich es unbedingt gut finde, alles zu pathologisieren, was nicht der Norm entspricht, ganz im Gegenteil. Man sollte sich zuerst im Klaren sein, was man erzielen möchte und ob eine Diagnose eher nützlich oder kontraproduktiv wäre, dann versucht man einfach, in diesem blöden System, welches primär dem Markt und nicht dem Menschen dient, trotzdem sein Bestes für sich und seine Liebsten zu geben und sein authentisches Ich zu bewahren! 🙂

„Du bist aber reif für dein Alter!“, sagten sie…

In diesem kurzen Beitrag setze ich mich, basierend auf meiner persönlichen Erfahrung, mit der Diskrepanz zwischen den beiden „Arten von Alter“ in einer eher informalen Form auseinander.

Definition

Was bedeutet „mentales“ oder „chronologisches“ Alter? Das eine bezieht sich auf die emotionale/kognitive Reife, während das andere das Alter ist, das im Pass steht. Doch was, wenn die beiden sich unterscheiden? Und welche Auswirkung könnte das auf das Leben haben?

Ob nun an der Idee des mentalen Alters was dran ist, oder nicht, scheinen Menschen doch sehr individuell in ihrer Entwicklung zu sein, welche die emotionale Reife schließlich beinhaltet, wobei diverse Faktoren, wie Erziehung, Lebensumstände, einzelne Erlebnisse und noch vieles mehr, eine Rolle spielen. So werden Kinder, die früher Selbständigkeit erlernen, erfahrungsgemäß auch dementsprechend früher das, was man als erwachsen bezeichnen möchte. Begriffe, wie „frühreif“ (also ein Kind, das sich erwachsener verhält, als es sollte), oder „Man-child“ (also ein erwachsener Mann, der sich wie ein Kind verhält) beschreiben letztendlich nichts anderes, als besagte Diskrepanz.

Persönliche Erfahrung

In meinem Fall wurde mir einerseits immer wieder, von unterschiedlichen Personen, gesagt, ich wirke älter, als ich eigentlich bin (nicht äußerlich jedoch, da werde ich immer noch nach dem Ausweis beim Bier kaufen gefragt…mit fast 26), was im Übrigen auch für viele meiner Freunde gilt, was vermutlich einer der vielen Gründe ist, warum wir ausgerechnet uns gegenseitig gefunden haben! Im selben Atemzug wiederum heißt es „ich würde Thema xyz irgendwann schon verstehen, wenn ich älter bin“. Also was jetzt??

Diese Frage hat mich eine lange Zeit wahnsinnig gemacht, doch der Schluss, zu dem ich gekommen bin, ist: Beides! Denn mit einer solchen Diskrepanz zu leben, bringt folgendes Problem mit sich: Kognitiv fühlt man sich reif genug, um sich mit bestimmten Dingen auseinanderzusetzen, vielleicht ist man auch emotional schon reif genug, um mit Dingen auf eine Weise umzugehen, wie es Leute mit 10 Jahren Vorsprung tun würden, vielleicht überspringt man den einen, oder anderen Schritt, wenn man diesen objektiv gesehen verstanden hat und sich nicht mit langweiligen Dingen aufhalten möchte, doch da liegt auch das Problem! Denn es fehlt einem an derselben Lebenserfahrung, die jemand mit 10 Jahren Vorsprung haben würde. Ja, ja, mir ist durchaus bewusst, dass an dieser Stelle der eine, oder andere mit den Augen rollen wird. Dennoch kann ich einfach nicht leugnen, dass es Dinge gibt, die sich aus der Lebenserfahrung heraus einfach herauskristallisieren, was leider in vielen Fällen weder mit Intelligenz, noch mit harter Arbeit substituierbar ist. Auch gibt es unzählige Dinge, die bis zu einem bestimmten Alter nicht einmal realistisch möglich sind, ob es also so effizient ist, sich darüber schon im Voraus Gedanken zu machen, ist eher fragwürdig. Schließlich ist es nicht immer möglich, eine 100%ig akkurate Aussage über etwas zu treffen, was einfach noch nicht im eigenen Leben passiert ist.

Um es so kurz, wie möglich zu fassen, habe ich ein Bild ausgegraben, welches ich vor einiger Zeit mal in mein Notizbuch verewigt hatte:

Wegen chronologischem Alter: zu wenig Lebenserfahrung (Rot); Wegen mentalem Alter: gewisse Erfahrungen sind zu langweilig (Blau); trotzdem sind beide aneinander gekettet

Klar ist, dass das mentale Alter, egal, wie „reif“ man sich fühlen mag, IMMER vom chronologischen Alter abhängig ist und kann somit nicht isoliert betrachtet werden!

Fazit

Was ist also die Konsequenz einer solchen Diskrepanz? Nun, natürlich kann ich nur für mich sprechen, da meine persönliche Wahrnehmung die einzige ist, die ich als eindeutige Referenz habe, deshalb gilt die folgende Schlussfolgerung wohl primär für mich, jedoch kann ich mir vorstellen, dass so manch anderer sich bestimmt darin gewissermaßen wiederfinden könnte.

Etwas rational zu verstehen und tatsächlich die Erfahrung gemacht zu haben ist, welch ein Schock, nicht das Selbe! Ja, richtig gehört, ich wollte es auch nicht glauben! </Sarkasmus>

Spaß bei Seite, manchmal bin ich im Kopf schon sehr viel weiter, als ich es sollte. Ich rationalisiere alle mir erdenklichen Perspektiven, versuche mich auf sämtliche Reaktionen, die ich auf Situationen eventuell haben könnte, mit Plan A, B und C vorzubereiten, nicht selten habe ich ein tiefes Verständnis für Dinge außerhalb meiner geistigen Reife, jedoch nur im theoretischen Kontext und dann schlägt die Realitätsbombe ein, als hätte meine Vorarbeit absolut keinen Wert. Denn in vielen Fällen weiß man einfach noch nicht, wie man mit Sachen umgeht, die man noch nicht erlebt hat. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es mich nicht wahnsinnig macht, rational zu wissen, wie ich eigentlich hätte reagieren sollen, versus meine tatsächlichen Fähigkeiten, damit umzugehen.

Leider fällt mir auch nicht wirklich etwas ein, was man dagegen tun könnte und um ehrlich zu sein, glaube ich, dass ich es gut finde, wie es ist. Trotz der gelegentlichen Verzweiflung über diese unmögliche Gegebenheit, gibt sie mir auch eine durchaus sehr interessante Sicht auf die Dinge und eröffnet viele Fenster für interessante Gespräche! Denn was gibt es schöneres, als im Rausch der Gefühle, seiner Logik freien Lauf zu lassen, um im konstruktiven Dialog mit sich selbst, die Lücke der fehlenden Lebenserfahrung zu füllen!

Autismus Diagnostik – Meine Erfahrung [PART 1]

Wer selber schon mal eine Diagnostik angestrebt hat, oder darüber nachgedacht hat, weiß, wie lange sich dieser Prozess hinziehen und mit welchen Verzögerungen und Schwierigkeiten es manchmal verbunden sein kann. Deshalb teile ich diesen Beitrag in zwei Teile auf, sonst wird das zu lang.

In PART 1 erläutere ich die Teile meiner Vorgeschichte, die relevant für meinen Diagnostik-Prozess waren, sowie, wie mein erster, gescheiterter Versuch abgelaufen ist und wie mich das geprägt hat.

In PART 2 gehe ich darauf ein, wie ich anschließend die Lockdown-Zeit genutzt habe, um selber Recherchen anzustellen, meine Traumata aufzuarbeiten und wie mich das zu meinem zweiten Diagnostik-Versuch geführt hat, der (bis jetzt zumindest, denn ich bin noch nicht ganz durch) deutlich besser gelaufen ist.


NT = Neurotypischer Mensch, also jemand, der eine typische (oder „normale“) Gehirnentwicklung hat .

ND = Neurodiverser Mensch, also jemand, der eine atypische Gehirnentwicklung hat (wie Autisten, ADHSler, und das ganze andere Zeug) .

ASD = Autism Spectrum Disorder, oder auf Deutsch Autismus Spektrum Störung .

Vorgeschichte

Im Jahr 2018 befand ich mich, nachdem ich in stationärer Behandlung den Borderline Stempel bekommen hatte, in ambulanter Psychotherapie, speziell Verhaltenstherapie. Ich erinnere mich, dass diese Zeit für mich mit viel Frustration verbunden war, da ich einerseits scheinbar nicht so richtig mit meiner Therapeutin geklickt habe, andererseits die Therapie als solche nicht wirklich funktioniert hat. Ich habe mich ständig gefühlt, als würde man mir versuchen, Gefühle einzureden, die ich nicht hatte und mich zwingen wollen, Maßnahmen zu ergreifen, die mehr Anstrengung, als Resultate brachten. Zur selben Zeit befand ich mich in meinem ersten Semester an der Uni und dementsprechend war das Thema soziale Kontakte immer wieder im Fokus. Meine Therapeutin wollte lange Zeit nicht akzeptieren, dass ich weder das Bedürfnis, noch die Energie hatte, mich um soziale Kontakte an der Uni zu kümmern, da ich in der Mittagspause lieber alleine Schach auf meinem Handy spielen wollte, anstatt mich mit meinen Kommilitonen zu unterhalten.

Ebenfalls hatte ich das Gefühl, als wäre meine Art, mich selbst zu reflektieren, komplett Fehl am Platz im verhaltenstherapeutischen Konzept, da auf meine Ausführungen meiner Mental Health Probleme, deren Ursprünge, potenzielle Lösungswege, usw. stets mit trivialen Ratschlägen zur Self Care erwidert wurden. Jedoch war ich zu dem Zeitpunkt durchaus determiniert, diese Therapie zum Funktionieren zu zwingen, weil mir bis dahin die Psychotherapie als einziger Weg bekannt war, mit psychischen Problemen umzugehen.

Erster Versuch

Irgendwann bin ich durch Zufall auf ein YouTube Video gestoßen, in dem es um Autismus bei Frauen/Mädchen ging und ich klickte es aus reinem Interesse an. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass ich mich in fast jedem einzelnen Punkt wiederfinden konnte. Dies brachte mich zuerst vollkommen aus dem Konzept und stellte meine Selbstwahrnehmung erstmal komplett auf den Kopf. Da ich am nächsten Tag eh eine Sitzung hatte, sprach ich das Thema Autismus, ohne weiter darüber nachzudenken, direkt bei meiner Therapeutin an, was sich als großer Fehler herausstellen sollte. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ihre erste Reaktion ungefähr so war:

Ich habe andere Patienten, die im Spektrum sind und Sie wirken jetzt nicht unbedingt autistisch auf mich!

Gefolgt von dem Satz, mit dem ich so gar nicht gerechnet hatte:

Ganz schön mutig von Ihnen, eine professionelle Diagnose (die Borderline Diagnose) einfach so anzuzweifeln!

Nichtsdestotrotz bekam ich am nächsten Tag eine Mail, in der sie mir mitteilte, dass sie nochmal darüber nachgedacht hätte und bereit wäre, mit mir eine Diagnostik zu machen. So wurde ich bei der nächsten Sitzung mit mehreren Fragebögen empfangen, welche die klassischen Kriterien nach dem ICD-10 abgefragt haben. Retrospektiv kann ich sagen, dass es sehr kontraproduktiv war, mich auf eine Diagnostik bei jemandem einzulassen, der nicht spezialisiert in Autismus ist, da die Ignoranz meiner Therapeutin und meine eigene Verunsicherung durch ihre ursprüngliche Reaktion dazu geführt haben, dass ich mich letztendlich invalidiert gefühlt habe, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht ihre Intention war, sowie die Art, wie sie die Fragen formuliert hat auf meiner Seite zu Verwirrung und Missverständnissen geführt hat. Z. B. auf die Frage hin, ob ich Dinge, wie Zahlen, Daten, usw. sammeln würde, war meine Antwort „Nein“, da ich weder Zahlen, noch Daten jemals gesammelt habe. Jedoch war mir nicht klar, dass damit allgemein Information jeglicher Art gemeint war, nicht nur wortwörtlich Zahlen und Daten und wenn ich mir meine PDF-Sammlungen von Research Papers zu Neuroforschung anschaue, dann sieht sie Antwort ganz anders aus. Aber solche Dinge müssen einem erst bewusst werden. Wenn wir schon bei dem Thema sind, war mir ebenfalls nicht bewusst, dass ich viele Dinge sehr wörtlich nehmen, denn auch diese Frage habe ich verneint, was im Nachhinein schon wieder anekdotisch ist. Auch wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, was mit „repetitiven Bewegungen“ genau gemeint war, da ich das Wort Stimming noch nie gehört hatte und ich nahm an, sie meint sowas, wie beim Tourette-Syndrom, oder nervöse Tics. So verneinte ich auch diese Frage, während ich durchgehend mit meinem Bein gewippt und mit meinem Stift rum getrommelt habe.

Ich erinnere mich, dass ich trotzdem knapp über dem Cut-Off Wert lag, also setzte sich die Diagnostik fort und es brachte schon die nächste Ignoranz-bedingte Problemstellung mit sich. Da ich künstlerisch begabt bin, Kommunikationsdesign studiere und in meiner Freizeit viel Kunst mache, hat sich das sofort mit dem Klischee des pragmatischen, unkreativen Mathe Genies widersprochen, welches scheinbar für meine Therapeutin ein ganz wichtiges Ausschlag-Kriterium war, um ASD zu diagnostizieren. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sie behauptete, Autisten könnten nicht kreativ sein. Als ich daraufhin meinte, dass ich durchaus autistische Künstler*innen kennen würde, schaute sie mich ganz verdutzt an und antwortete mir: 

Die wurden aber bestimmt nicht offiziell diagnostiziert. Zumindest nicht in Deutschland.

Ironischerweise war ich in der Schule durchaus auch mathematisch begabt und nahm bis zur Mittelstufe (wo meine Depressionen eskalierten) jedes Jahr an der Mathe-Olympiade teil, jedoch finde ich es oft schwierig, unerwartete Fragen sofort zu verarbeiten und die richtige Antwort zu finden, also sind mir diese Dinge in dem Moment gar nicht erst eingefallen.

Auch hatte ich stark den Eindruck, sie würde versuchen, mich davon zu überzeugen, dass meine Vermutung nicht stimmen würde, was aber möglicherweise zum Teil an meiner Wahrnehmung gelegen haben könnte, man weiß es nicht. Mir war auch das Konzept des Maskings noch nicht bekannt und es fiel mir sehr schwer, zu erklären, warum ich scheinbar einige Dinge problemlos meistern könne und trotzdem behaupte, ich hätte Probleme damit.

Ich kann jedem, der vor hat, sich diagnostizieren zu lassen, nur empfehlen, sich zumindest grob im Vorfeld auszulegen, was man sagen möchte, da man sonst mit unerwarteten Fragen, die teilweise sehr ungenau formuliert sind, überrumpelt wird. Aber naja, im Nachhinein ist man immer schlauer, wie man so schön sagt.

Auf jeden Fall war der Teil über meine Kindheit mein persönlicher Breaking Point, an dem ich beschlossen habe, die Diagnostik nicht weiter fortzuführen, mit den Worten: 

Wissen Sie was, scheiß drauf, ich nehme einfach die Borderline Diagnose, macht ja anscheinend eh keinen Sinn!

Der Grund dafür war, was ich jedoch erst viel später reflektieren konnte, dass ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht mit Traumatisierungen aus meiner Kindheit und Jugend auseinandergesetzt hatte und mich dieses Thema deswegen extrem getriggert hat. Bestimmt bin ich mindestens zwei, drei Mal heulend aus der Therapie rausgegangen, da die Art, wie ich ganz casual über meine Kindheit ausgefragt wurde, sehr unsensibel war, sowie wunde Punkte in mir getroffen wurden, die ganz tief in meinem Unterbewusstsein verankert waren.

Selbstzweifel

Kurz nach Corona-Beginn brach ich die Therapie ab. Das Thema Autismus hatte ich im Kopf bereits abgehackt, weil ich mich nur noch verunsichert gefühlt habe und mir eigentlich auch selber nicht mehr so sicher war, ob das nicht alles doch nur meine Einbildung war. Als ich daraufhin eine Trennung hinter mir hatte, fokussierte ich mich zuerst darauf und beschäftigte mich eher sporadisch, wenn denn überhaupt, mit Neurodiversität als Solche.

Allerdings hatte der Fakt, dass ich Corona-bedingt sozusagen nicht funktionieren MUSSTE zur Folge, dass ich irgendwann nicht mehr funktionieren KONNTE und ich stellte fest, dass mein Zustand sehr stark mit dem räsoniert hat, was man unter „Autistic Burnout“ versteht. Trotz alledem habe ich ziemlich lange gebraucht, um etwas, was ich bereits abgeschrieben hatte (nämlich die Möglichkeit, dass ich im Spektrum sein könnte, bzw. jemals wieder eine Diagnostik machen würde), wieder an die Oberfläche zu holen und meine eigenen Selbstzweifel, die in dem Moment dominiert haben, zu überwinden. Man muss dazu sagen, dass ich mir im Laufe meines Lebens abgewöhnt hatte, mich selbst in meiner Wahrnehmung validieren zu können, weshalb mich jeder Ausdruck von Zweifel von außen, z.B. von Freunden, wieder zurück an den Anfang geworfen hatte. Es fühlte sich an, als würde ich zwei Schritte nach vorne und zehn nach hinten machen. So war es ein ewig langes Prozedere, diese Selbstzweifel wegzubekommen. Es hat mir sehr geholfen, meine Erfahrungen chronologisch von hinten aufzurollen, einzusortieren und zu rationalisieren, was bestimmt mindestens ein Jahr gedauert hat, mich aber auch sehr an mir selbst wachsen ließ und meiner Mental Health extrem zugute kam.

Tbc…

Toxic positivity

„Lächle doch mal!“

„Du musst mal positiv denken!“

„Fokussiere dich doch nicht immer auf das Schlechte!“

Diesen und viele andere Sätze hören wir ständig von allen Seiten, vermutlich bereits seit frühster Kindheit. Denn wer möchte schon runtergezogen werden. Schließlich haben es andere ja viel schlimmer und die beschweren sich auch nicht…STOP!!!! Das ist genau das Mindest, was man unter „Toxic positivity“, oder auf deutsch „Toxische Positivität“ versteht, denn oft es geht darum, den Schein zu wahren.

Mental Health kommt glücklicherweise immer mehr im Dialog des Mainstreams an und die Richtung stimmt auf jeden Fall. Doch trotzdem scheinen die Menschen Emotionen „positiv“ oder „negativ“ zu bewerten, was natürlich dazu führt, dass die „positiven“ bevorzugt werden, während man den „negativen“ aus dem Weg gehen möchte.

Toxic positivity kann man sich selbst, sowie anderen gegenüber haben. Doch in beiden Fällen ist das Ziel, „negative“ Gefühle so schnell wie möglich loszuwerden, oder im besten Fall erst gar nicht zuzulassen. Das ist auch okay in einer Krisenintervention oder anderen akuten Situation. Doch was passiert langfristig, wenn wir immer ein Smiley-Pflaster auf unsere Wunden kleben, in der Hoffnung, dass es die Blutung schon irgendwie stoppen wird? Und wie oft soll das funktionieren, bis man ganz aufgibt? Geht es denn nicht darum, eine gesunde Regulation der eigenen Emotionen zu entwickeln, in der man den Umständen entsprechend glücklich, traurig, wütend oder verletzt sein kann?

Um mal zu verdeutlichen, was der Unterschied ist zwischen einem positiven Mindest und Toxischer Positivität, hier ein Beispiel:

(A: Toxic Positivity; B: Positives Mindset)

Hauptsächlich invalidiert jemand, der „toxisch positiv“ ist, das negative Gefühl von vornherein und versucht es nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ nicht zuzulassen, während jemand mit einem positiven Mindset das Gefühl als solches anerkennt und versucht, „auf das Beste zu hoffen“. Jedoch muss ich zugeben, dass der Grad manchmal durchaus sehr schmal sein kann.

Glücklicherweise sehe ich auf meinen Social Media Kanälen immer mehr Leute, die dieses Thema ansprechen und das Zeigen von Gefühlen wird auch immer akzeptierter in der Gesellschaft, auch wenn das natürlich alles ein Prozess ist.