Autismus Diagnostik – Meine Erfahrung [PART 2]

Das ist der zweite Teil meiner Erfahrung mit dem Prozess einer ASD Diagnostik. Hier nochmal eine Zusammenfassung, worum es in den beiden Parts geht:

In PART 1 erläutere ich die Teile meiner Vorgeschichte, die relevant für meinen Diagnostik-Prozess waren, sowie, wie mein erster, gescheiterter Versuch abgelaufen ist und wie mich das geprägt hat.

In PART 2 gehe ich darauf ein, wie ich anschließend die Lockdown-Zeit genutzt habe, um selber Recherchen anzustellen, meine Traumata aufzuarbeiten und wie mich das zu meinem zweiten Diagnostik-Versuch geführt hat, der deutlich besser gelaufen ist. 


NT = Neurotypischer Mensch, also jemand, der eine typische (oder „normale“) Gehirnentwicklung hat .

ND = Neurodiverser Mensch, also jemand, der eine atypische Gehirnentwicklung hat (wie Autisten, ADHSler, und das ganze andere Zeug) .

ASD = Autism Spectrum Disorder, oder auf Deutsch Autismus Spektrum Störung .

Meine Recherche

So viele Schattenseiten die Pandemie auch mit sich brachte, für mich ergab sich zumindest der Vorteil, dass ich plötzlich eine Menge extra Zeit dazubekommen habe, um mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich zuvor in meinem Alltag nie richtig einschieben konnte. Wie bereits in PART 1 erwähnt, habe ich es in dieser Zeit geschafft, meine ursprüngliche Unsicherheit bezüglich einer erneuten ASD Diagnostik hinter mir zu lassen, doch diesmal wollte ich besser vorbereitet sein. Und so konnte das große Googeln auch beginnen!

Wann immer ich ein neues Topic recherchiere, habe ich meistens ein grobes Schema, wonach ich vorgehe:

  1. Basic Infoseiten, quasi das, was in Google auf Seite 1 ist + Links
  2. Forschungsergebnisse, wissenschaftliche Artikel, Studien, usw.
  3. Blogs, Foren, persönliche Berichte, journalistische Artikel, usw.
  4. YouTube Videos, Vorlesungen, TedTalks, Podcasts, usw.

Danach habe ich im Regelfall einen ziemlich guten Überblick über mein Thema.

Bei Autismus fand ich die Recherche trotzdem relativ komplex. Zum einen ist die ASD-Präsentation im Erwachsenenalter an sich ein relativ junges Forschungsgebiet, welches zum Teil auf veralteten Meinungen und Fehlannahmen basiert. Ebenfalls äußert es sich bei Frauen anders, als bei Männern, weshalb auch da wieder die Informationen, die man im Netz so findet, nicht immer auf den neusten Stand sind. Zum anderen umfasst das neurodiverse Spektrum einfach eine unheimlich große Vielfalt von individuellen Manifestations Möglichkeiten, abhängig vom Individuum versteht sich. Zudem überschneiden sich die Charakteristiken untereinander und mit diversen anderen Mental Health Issues, sodass es nicht immer einfach ist, eindeutig zu bestimmen, was jetzt Sache ist. Auch ist es nicht ungewöhnlich, mehrere Diagnosen parallel zu haben und es verschwimmt irgendwie alles ein wenig ineinander.

Kurzer Exkurs zu meiner Theorie/Meinung über die Differenzierung von ASD zu anderen Sachen: COMING SOON!

Mir persönlich war es wichtig, möglichst alle Optionen einmal abzuwägen, um nicht erneut in die uninformierte Diagnostik Falle zu tappen, weswegen mein Ansatz erstmal daraus bestand, einer theoretischen Auseinandersetzung zu folgen, ohne sofort Bezug zu mir selbst herzustellen.

Trauma Aufarbeitung

Mein ursprüngliches Konzept war keineswegs schlecht, denke ich, doch wie es immer so schön ist im Leben, entwickeln sich die Dinge manchmal komplett anders, als erwartet. Schon nach kurzer Zeit formte sich in meinem Kopf ein immer klareres Bild davon, wie bestimmte Autismus spezifische Thematiken mit meinen Traumata zusammenhängen könnten und weg war die objektive Distanz.

Da ich ja zu Beginn vom Lockdown ja eh stark mit meiner Mental Health zu kämpfen hatte, war es nicht zu vermeiden, dass Dinge aus dem Unterbewusstsein hervorkamen, die es für mich nun zu reflektieren galt. Ziemlich sicher wäre das im Pre-Corona Alltag und voraussichtlich auch Post-Corona, zeitlich einfach nicht im Rahmen des Möglichen gewesen. Der Lockdown war deshalb die ideale Möglichkeit.

Meine erste Erkenntnis in dem Kontext war vermutlich das mit dem Masking. Es abzulegen gab mir plötzlich einen gänzlich vergessenen Teil meines Denkens zurück, auf den ich aufgrund von ständiger Erschöpfung (autistic burnout) lange keinen Zugriff mehr hatte.

Für die, die den Begriff Masking nicht kennen, das ist eine Form des Sich-Verstellens, oder -Anpassens, um „normal“ zu wirken. Oft hat es zur Folge, dass man psychische Probleme davonträgt, bis hin zum Verlust der eigenen Identität oder Burnout, da es sehr viel Energie kostet, 24/7 eine Persona zu spielen. In vielen Fällen passiert das auch auf Kosten der eigenen physischen, psychischen und/oder emotionalen Bedürfnisse, wenn diese im Konflikt mit seiner NT-Performance stehen. Viele beschreiben die Experience, mit dem Masking aufzuhören oder zumindest es zu reduzieren, als sehr befreiend!

Man kann sich das so vorstellen, als würde man die ganze Zeit versuchen, seinen Gameboy zu einem Tamagotchi zu machen, weil jeder einen Tamagotchi besitzt, aber man selbst hat nur den Gameboy, also versucht man, diesen einfach so zu modifizieren, dass er zu einem Tamagotchi wird. Doch jedes Mal, wenn der Gameboy ein Nintendo-Geräusch macht, wird man sauer und schraubt mehr und mehr daran rum und versucht das System umzuschreiben, bis nichts mehr richtig funktioniert und der arme Gameboy nicht mehr angeht 😦
Aber dann merkt man, wie dumm die Idee war und resettet alles, entschuldigt sich bei dem kleinen Gameboy und füttert ihn mit nem nicen Game! Er kann endlich wieder ein authentischer Gameboy sein and it feels like magic!! 🙂

Zweiter Versuch

Nachdem ich mir also nach ca. einem Jahr Recherche relativ sicher war, dass ich doch nochmal ein Assessment machen möchte und ich zudem, aus unterschiedlichen Gründen, unbedingt die Borderline Diagnose, die ich ja noch immer am Arsch hatte, loswerden wollte, suchte ich mir die paar wenigen Therapeuten raus, die bei mir in der Umgebung Autismusdiagnostik für Erwachsene angeboten haben. Ich landete bei einer Therapeutin, die im Kontrast zu der Vorherigen außerordentlich kompetent wirkte.

Das Gesamte Verfahren erstreckte sich auf mehrere Sessions und bestand aus den standardmäßigen, psychotherapeutischen Diagnoseinstrumenten, die man halt so kennt. Trotzdem war das Gefühl, bei einer Therapeutin zu sitzen, die tatsächlich Ahnung hat, schon echt angenehm und ihre sympathische und intelligente Art, hat wahrscheinlich auch geholfen!

Also falls das es aus diesem Beitrag bisher noch nicht klar geworden ist: Ja, ich habe eine Diagnose für eine Autismus Spektrum Störung bekommen, wobei mich zwar die Diagnose an sich nicht so richtig überrascht hat, aber einige Details und Nuancen waren trotzdem unerwartet.

Prinzipiell ist es immer eine persönliche Entscheidung, ob man sich durch so einen Prozess wirklich durchzwängen sollte, oder nicht, denn es gibt tatsächlich viele Faktoren, die dafür, oder dagegen sprechen, also ist es immer sinnvoll, sich das gut zu überlegen. Für mich jedenfalls war das mit Sicherheit die richtige Entscheidung und ich bin sehr froh, dass es sich so ergeben hat!

Abschließende Gedanken

Retrospektiv gab es wohl in meiner Diagnostik Journey mehrere Kernaspekte, die das Ganze zwar durchaus zur Herausforderung gemacht haben, jedoch zur gleichen Zeit einen einzigartigen Lernprozess kreiert haben, welcher mir am Ende interessante Einblicke in mein eigenes Denken, das Denken meiner Mitmenschen und allgemein in das breite Spektrum der Neurodiversität ermöglichen konnten, mich aber auch mit gesellschaftlichen Problemstellungen konfrontiert hat, die ich sonst eventuell übersehen hätte.

Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mich beim Versuch, eine einzige Diagnose zu bekommen, freiwillig darauf einlassen würde, durch so viele Hürden zu springen…oder so nebenher gesagt, überhaupt so einem blöden Zettel mit einem Label einen solchen Wert zuschreiben würde…vermutlich hätte ich gelacht und mir vorsichtshalber einen kuscheligen Platz in der Klapse reserviert…But here we are!

Nicht, dass ich es unbedingt gut finde, alles zu pathologisieren, was nicht der Norm entspricht, ganz im Gegenteil. Man sollte sich zuerst im Klaren sein, was man erzielen möchte und ob eine Diagnose eher nützlich oder kontraproduktiv wäre, dann versucht man einfach, in diesem blöden System, welches primär dem Markt und nicht dem Menschen dient, trotzdem sein Bestes für sich und seine Liebsten zu geben und sein authentisches Ich zu bewahren! 🙂

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